Löb Elias Reiß'sche Synagoge

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90
Kategorie
Adresse

Hermesweg 5-7
60316 Frankfurt am Main
Deutschland

Früherer Straßenname
Hermesweg 27
Koordinate
50.117689943398, 8.6937196821329

Unter dem Namen Löb Elias Reiß'sche Synagoge war 1782 ein Lehrhaus mit Synagoge im Gebäude „Zum weißen Schwan" in der Judengasse eingerichtet worden. Die Stiftung in Höhe von 28.000 Gulden (ursprünglich waren 70.000 Gulden vorgesehen) tätigte seinerzeit der Hoffaktor und Seidenhändler Löb Elias Reiß (1734-1811); er gehörte ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu den wohlhabendsten Juden in Frankfurt. Zu den Stiftungszwecken gehörten die finanzielle Förderung des Talmudstudiums für Lehrende und Studierende, die Unterhaltung des Lehrhauses und der Synagoge, „Altschul“ genannt, sowie die allgemeine Wohltätigkeit. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Judengasse abgebrochen; 1883 fiel das Haus „Zum weißen Schwan“ in den Besitz der Stadt Frankfurt und wurde niedergelegt.

Im Jahr 1887 wurde mit weiteren Erträgen der Stiftung wieder eine Löb Elias Reiß'sche Synagoge in dem neuen Gebäude der Israelitischen Religionsschule, Hermesweg 27 (später Hermesweg 5-7), im Frankfurter Nordend eröffnet. Die Einweihung zelebrierte Rabbiner Dr. Markus Horovitz, Direktor der Israelitischen Religionsschule, am 11. September 1887. Die Planung des Hauses hatte ein Architekt namens Kuzniczky übernommen. Die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete am Tag darauf: „Gestern Nachmittag fand die feierliche Einweihung der neuen, im Religionsschulgebäude am Hermesplatze errichteten Löb-Reiß-Synagoge statt. Die schönen Räume dieses Betsaales waren bei dieser Gelegenheit bis auf den letzten Platz gefüllt und alle Besucher waren entzückt von der einfachen und zugleich würdigen Art, in welcher dies Gebäude hergestellt ist. Es hat im Ganzen ca. 160 Plätze, und der Umstand, dass weitaus der größte Teil derselben bereits vergriffen ist, zeigt, wie sehr die Anlage eines Gotteshauses in dem nordöstlichen Teile der Stadt dem Bedürfnisse entsprach.“ Aus der alten Synagoge in der Judengasse war lediglich der wertvolle Thoraschrein aus Marmor erhalten geblieben und in den Hermesweg eingebracht worden; die Restaurierung hatte Hannah Mathilde Baronin von Rothschild finanziert. 

Während des Novemberpogroms 1938 warf ein Mob die Fenster der Synagoge ein, sonst blieb das Haus unzerstört. Die Abhaltung von Gottesdiensten und Feiern war noch bis etwa Herbst 1941 möglich. Ab Mai 1942 fungierte das Gebäude als jüdisches Altersheim, nachdem die „Versorgungsanstalt für Israeliten“ im Röderbergweg 77 in den Hermesweg verlegt worden war. Die Bewohner*innen wurden im August 1942 in das Lager Theresienstadt deportiert. Nach Abschluss der Massendeportationen im Herbst 1942 erklärte Ernst Holland, Beauftragter der Geheimen Staatspolizei bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege, das Gebäude zur gefängnisgleichen „Gemeinschaftsunterkunft für Juden“. Zugleich nahm dort die Bezirksstelle Hessen/Hessen-Nassau der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, gebildet 1942 unter anderem durch die erzwungene Auflösung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, ihren Sitz. Vom Hermesweg gab es 1943 weitere Deportationen. Die Stiftung von Löb Elias Reiß hatte noch bis 1939 bestanden, um dann zwangsweise in die Reichsvereinigung eingegliedert zu werden. Anfang Oktober 1943 wurde das Gebäude durch Bomben vollständig zerstört. Das Grundstück ist heute mit einem Mehrfamilienwohnhaus bebaut. Es gibt keine Erinnerung an die frühere Israelitische Religionsschule mit der Löb Elias Reiß'schen Synagoge und an das Altersheim. 

Medien
Der Israelit, Ausgabe vom 08.08.1887
Zeitungsnotiz Der Israelit
Aufnahmedatum
8. August 1887
Jüdisches Muse…
Bildquelle (Woher stammt das Bild)
Compact Memory
Breite
500
Höhe
417
Auf dem Grundstück Hermesweg 5-7 befindet sich heute ein Mehrfamilienhaus
Wohnblock Hermesweg 5-7, heutiger Zustand
Aufnahmedatum
2025
Fotografiert von
Fedor Besseler
Jüdisches Muse…
Breite
3468
Höhe
4624
Lizenz
gemeinfrei
Literatur
Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Bd. 2: Struktur und Aktivitäten der Frankfurter Juden, Darmstadt: Eduard Roether Verlag 1983, S. 29.
Charlotte Opfermann, „Im Hermesweg“. Zur Tätigkeit in der Bezirksstelle der Reichsvereinigung in Frankfurt am Main von November 1942 bis Juni 1943 – ein Zeitzeugenbericht, in: Monica Kingreen (Hrsg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, Frankfurt am Main/ New York: Campus Verlag 1999, S. 403-413.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Stiftungsabteilung, Best. A.30.02, Nr. 383.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Kuratelamt Akten, Best. H.15.13, Nr. 2725.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Magistratsakten, Best. A.02.01, Nr. 9588.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Bauaufsicht, A.63.04, Nr. 11450.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Gutachterausschuss für Grundstücksbewertung, A.62.02, Nr. 444.
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Magistratsakten, Best. A.02.01, Nr. 9394.
Redaktionell überprüft
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