Hermesweg 5-7
60316 Frankfurt am Main
Deutschland
Unter dem Namen Löb Elias Reiß'sche Synagoge war 1782 ein Lehrhaus mit Synagoge im Gebäude „Zum weißen Schwan" in der Judengasse eingerichtet worden. Die Stiftung in Höhe von 28.000 Gulden (ursprünglich waren 70.000 Gulden vorgesehen) tätigte seinerzeit der Hoffaktor und Seidenhändler Löb Elias Reiß (1734-1811); er gehörte ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu den wohlhabendsten Juden in Frankfurt. Zu den Stiftungszwecken gehörten die finanzielle Förderung des Talmudstudiums für Lehrende und Studierende, die Unterhaltung des Lehrhauses und der Synagoge, „Altschul“ genannt, sowie die allgemeine Wohltätigkeit. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Judengasse abgebrochen; 1883 fiel das Haus „Zum weißen Schwan“ in den Besitz der Stadt Frankfurt und wurde niedergelegt.
Im Jahr 1887 wurde mit weiteren Erträgen der Stiftung wieder eine Löb Elias Reiß'sche Synagoge in dem neuen Gebäude der Israelitischen Religionsschule, Hermesweg 27 (später Hermesweg 5-7), im Frankfurter Nordend eröffnet. Die Einweihung zelebrierte Rabbiner Dr. Markus Horovitz, Direktor der Israelitischen Religionsschule, am 11. September 1887. Die Planung des Hauses hatte ein Architekt namens Kuzniczky übernommen. Die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete am Tag darauf: „Gestern Nachmittag fand die feierliche Einweihung der neuen, im Religionsschulgebäude am Hermesplatze errichteten Löb-Reiß-Synagoge statt. Die schönen Räume dieses Betsaales waren bei dieser Gelegenheit bis auf den letzten Platz gefüllt und alle Besucher waren entzückt von der einfachen und zugleich würdigen Art, in welcher dies Gebäude hergestellt ist. Es hat im Ganzen ca. 160 Plätze, und der Umstand, dass weitaus der größte Teil derselben bereits vergriffen ist, zeigt, wie sehr die Anlage eines Gotteshauses in dem nordöstlichen Teile der Stadt dem Bedürfnisse entsprach.“ Aus der alten Synagoge in der Judengasse war lediglich der wertvolle Thoraschrein aus Marmor erhalten geblieben und in den Hermesweg eingebracht worden; die Restaurierung hatte Hannah Mathilde Baronin von Rothschild finanziert.
Während des Novemberpogroms 1938 warf ein Mob die Fenster der Synagoge ein, sonst blieb das Haus unzerstört. Die Abhaltung von Gottesdiensten und Feiern war noch bis etwa Herbst 1941 möglich. Ab Mai 1942 fungierte das Gebäude als jüdisches Altersheim, nachdem die „Versorgungsanstalt für Israeliten“ im Röderbergweg 77 in den Hermesweg verlegt worden war. Die Bewohner*innen wurden im August 1942 in das Lager Theresienstadt deportiert. Nach Abschluss der Massendeportationen im Herbst 1942 erklärte Ernst Holland, Beauftragter der Geheimen Staatspolizei bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege, das Gebäude zur gefängnisgleichen „Gemeinschaftsunterkunft für Juden“. Zugleich nahm dort die Bezirksstelle Hessen/Hessen-Nassau der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, gebildet 1942 unter anderem durch die erzwungene Auflösung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, ihren Sitz. Vom Hermesweg gab es 1943 weitere Deportationen. Die Stiftung von Löb Elias Reiß hatte noch bis 1939 bestanden, um dann zwangsweise in die Reichsvereinigung eingegliedert zu werden. Anfang Oktober 1943 wurde das Gebäude durch Bomben vollständig zerstört. Das Grundstück ist heute mit einem Mehrfamilienwohnhaus bebaut. Es gibt keine Erinnerung an die frühere Israelitische Religionsschule mit der Löb Elias Reiß'schen Synagoge und an das Altersheim.


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