Neuer Weg 51
38302 Wolfenbüttel
Deutschland
Walter Brill wurde am 13.10.1910 als eines von vier Kindern des Schlachtermeisters und Möbelfabrikanten Hugo Brill und seiner Frau Selma Brill, geb. Blume im nordrheinwestfälischen Herzebrock geboren. Mit seinen Eltern bezog er eine Wohnung im Neuerweg 41 in Wolfenbüttel und besuchte hier auch ab Ostern 1920 die Samsonschule. Als einem von 9 Schülern der Klasse wurde ihm sein Betragen und die Ordnung im Hause mit „Sehr gut" und seine Aufmerksamkeit, Fleiss, Ordnung in der Schule 1924 mit einem „gut" zertifiziert. Von 1927 bis 1929 wurde Walter Brill zum Tischlermeister ausgebildet und „am heutigen Tage vor dem unterzeichneten Prüfungs-Ausschuß seine Gesellen= (Gehilfen=) Prüfung im Tischler-Handwerk bestanden." Lediglich das Finden einer geeigneten Arbeit nach seiner Ausbildung schien ihm nicht leicht zu gelingen. So schrieb Brill noch im November 1929 an seine spätere Ehefrau Irmgard Levy : „Trotz allen Bemühungen, habe ich immer noch keine Stelle. Heute habe ich noch einen Brief abgeschickt und gestern war ich schon um 8 Uhr mit dem Auto nach Borken i. W. unterwegs. Überall hört man dann dasselbe. Sie wollen alle nicht ihre eigene Konkurrenz heranbilden noch weniger einen Möbelfabrikanten ihre Kalkulation sehen lassen. Da bleibt mir vorläufig nichts anderes übrig, als zu suchen, zu schrieben, zu warten und evt. wieder zu schreiben." Als Walter Brill 24 Jahre alt war, verstarb seine Mutter Selma Brill.
Herzog-Max-Straße 3/5
80333 München
Deutschland
Mit etwa 19 Jahren lernte Walter Brill seine zukünftige Ehefrau Irmgard Levy kennen. In vielen erhaltenen Briefen tauschte sich das junge Paar über Tanzbälle, über jüdische Feiertage wie Jom-Kippur oder Besuche in der Synagoge im Nachbarörtchen Rheda aus. Über die Zeit wurde die „Liebe Irmgard", über „Mein geliebtes Geburtstagskind", zu „Mein liebes süßes Mädchen". So beobachtet man als Leser*in der Briefe die zart heranwachsende Liebe zweier Menschen in einer politisch durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 immer schwerer werdenden Zeit. Den Briefen lässt sich entnehmen, dass Irmgard und Walter bereits 1936 verlobt waren. So schrieb Walter Brill am 25. März 1936 an seine zukünftige Ehefrau Irmgard: „Bleibt nun einem Verlobten noch Geist für sinnreiche Gedanken übrig oder genügt es, wenn alles auf Liebe eingestellt ist." Zu einem späteren Zeitpunkt und mit einem anderen Stift führte er fort: „Habe gerade das obige durchgelesen und muß ich nun feststellen, daß mir an Satzstellung und Ausdruck noch viel fehlt. Den Sinn wirst du trotzdem verstehen und deshalb reiße ich den Versuch mißglückten Liebesbriefstellerei nicht entzwei. Liebling am Samstag erwarten wir alle Dich und deine Mutter. […] Hoffentlich haben wir ebenso gutes Wetter als jetzt, damit meine Schwiegermutter Sonnenschein über Herzebrock vorfindet." Am 29. Juli 1938 folgte die Hochzeit mit Irmgard Levy im Betsaal Herzog-Max Straße 3/5 in München.
Steinweg
33378 Rheda-Wiedenbrück
Deutschland
Irmgard und Walter Brill heirateten sowohl standesamtlich als auch religiös durch das Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde München. Bereits in der Jugend besuchte Brill die Synagoge und auch die religiöse Heirat zeugt von der Tatsache, dass das Judentum ein relativ fester Bestandteil seines Lebens war. Dennoch schien er in der Jugend auch mit einer gewissen Lockerheit damit umzugehen, so schrieb Brill in einem Brief an Irmgard am 6. November 1929 „So fromm wie Du warst, war ich Jom-Kippur nicht." und kokettierte weiter „Ich war höchstens 3 Minuten in der Synagoge. Bis 11 Uhr habe ich geschlafen. Dann bin ich mit meinem Freund nach Rheda gefahren, dort ist die Synagoge, sind eben reingegangen und da es uns zu langweilig war und die Luft nicht so frisch wie draußen, sind wir erst mit dem B.M.W. etwas herumgefahren und dann haben wir uns in Rheda in den fürstl. Park gesetzt und gelesen." Knapp neun Jahre später wurde die Synagoge in Rheda während der Novemberpogrome 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Walter Brill lebte zu dieser Zeit schon in München. In den Novemberpogromen 1938 in ganz Deutschland gipfelte der seit 1933 staatlich geförderte Antisemitismus in einem offenen Ausbruch der Gewalt gegenüber deutschen Jüdinnen*Juden, und auch die Brills waren dieser Gefahr ausgesetzt.
Więźniów Oświęcimia 20
32-603 Oświęcim
Polen
Im Jahre 1939 gelang es den Brills nach England auszureisen. Am 1. April 1939, nun schon gezwungenermaßen als „Israel Walter Brill", wurde den Brills in Berlin ein Visum zur Einreise nach England ausgestellt. So konnten sie sich vor der millionenfachen Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen*Juden retten. Brills Schwester, ebenfalls Irmgard, schilderte in einem Brief am 21. Mai 1945 aus Frankreich die katastrophalen Haftbedingungen des Vernichtungslagers Auschwitz, welche sie überlebte: „Lieber Walter, lb. Irmgard, […] Ich bin am 1. April in Kaunitz bei Lippstadt von den Amerikanern befreit […] Leider habe ich keine Hoffnung mehr unseren lb. Bruno [Bruder] wiederzusehen, nachdem was ich persönlich gesehen habe, was man mit den Menschen gemacht hat. […] Bei der Ankunft ist ungefähr mein Schicksal entschieden worden. Leben oder Sterben, denn so wie man aus dem Viehwagen steigt wird man ausgesucht u das alles auf „Gut Glück". Von uns 1500 Menschen, Frauen + Kindern sind 37 junge Mädchen + 60 junge Männer ins Lager gekommen. Alle anderen in die Gaskammern u. nachher ins Krematorium. […] Ich habe Euch nicht geschrieben, dass ich eine Glatze hatte + tätowiert bin. Ich habe die NR. 75911 + ein Dreieck darunter, welches Jude bedeutet jetzt auf meinem Arm. Leider konnte ich nach der Befreiung nicht nach Herzebrock od. Rheda da ich bei den Franzosen als Franzosin galt. […]" Irmgard Brills Vater Philipp Levi wurde am 8. Mai 1945 für tot erklärt. Walter Brills Vater Hugo Brill gelang die Emigration nach Belgien, wo er erneut heiratete.
44 Wainwright Street
Newark, NJ 07112
Vereinigte Staaten
In England kamen die Söhne Walter und Irmgard Brills Winston Jonas (1939 in London), Ralph David (1944), und Peter Beno (1946) zur Welt. Der letzte Wohnort in England war die 4 Chatham Road, in Worthing Sussex. Zehn Jahre später, am 17. November 1949, emigrierte die gesamte Familie mit der „SS Ile de France" in die USA. Am 25. April 1951 stellten die Brills Antrag auf Staatsangehörigkeit in den USA. Vier Jahre später, am 13. April 1955, wurde Walter und Irmgard Brill dann die amerikanische Staatsangehörigkeit zugesprochen: „Be it known that at a term of the District Court of The United States geld pursuant to law at Newark on April 13th, 1955 the Court having found that WALTER BRILL then residing at 44 Wainwright St., Newark, N.J. intends to reside permanently in the United States […] and was entitled to be admitted […] as a citizen of the United States of America." 1975 lebte Walter Brill noch in der 245 Parker Ave in Maplewood/New Jersey 07040 in den Vereinigten Staaten. Der Vater Walter Brills, Hugo Brill, kehrte nach dem Krieg nach Herzebrock zurück. Hier besuchte ihn Walter Brill, zum Beispiel, 1956 zu seinem 70. Geburtstag. Im Jahre 1989 verstarb Walter Brill.
Lindenstraße 9-14
10969 Berlin
Deutschland
Theresia Ziehe, damalige Kuratorin für Fotografie des Jüdischen Museums Berlin, traf den Sohn Walter Brills, Ralph Brill, dort 2009 und erfuhr von seiner bewegten Lebens- und Familiengeschichte. 2013 dann vermachte Ralph Brill den dokumentarischen und fotografischen Bestand seines Vaters im Beisein seiner eigenen Kinder dem Jüdischen Museum. Deswegen sind mittlerweile gut erhaltene 125 Fotografien und Dokumente (das älteste von 1913, das jüngste von 2013) dem historisch interessierten Publikum zur Recherche im Archiv des Jüdischen Museums freigegeben. Sie geben Auskunft über das Leben und Wirken dreier Generationen der Familie Brill. Zwischen offiziellen Dokumenten und Urkunden finden sich einige persönliche Schätze, wie Liebesbriefe, aber auch der beeindruckende Brief der Schwester Walter Brills mit Schilderungen der Deportation, des Lageralltags und der Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Auch ein Halbbruder Walter Brills, Simon Brill, hält die Erinnerung an Familie Brill aufrecht. So besuchte er das Einstein-Gymnasium in Rheda-Wiedenbrückt um die Geschichte seiner Familie Schüler*innen näher zu bringen. Für Ralph Brill war es wichtig, im Einverständnis mit seinen Brüdern Winston und Peter Brill, „die über 200-jährige Geschichte seiner Familie wieder zurück nach Deutschland" zu bringen, „wo sie vor vielen Jahren begann".
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