Königstraße 10a
22767 Hamburg
Deutschland
Glückel von Hameln wurde etwa 1645 als Glikl bas Juda Leib, als „Tochter (des) Juda Löb", in Hamburg geboren. Den Beinamen „von Hameln", unter dem sie berühmt wurde, verdankt sie ihrer späteren Heimat Hameln und ihrem von dort stammenden Ehemann Chajim Hameln. Ihr Vater, ein wohlangesehener Diamantenhändler, Löb Pinkerle, war einer der ersten deutschen Juden, die in Hamburg die Erlaubnis zur Niederlassung erhalten hatten. Seine Kinder, „sowohl Söhne als Töchter, hat er lernen lassen himmlische und weltliche Dinge". Etwa ab ihrem dritten Lebensjahr verbrachte von Hameln ihr Leben im heutigen Hamburger Stadtteil Altona „kaum eine Viertelstunde von Hamburg entfernt". Von hier aus war es ihrem Vater möglich, durch ausgestellte „Pässe" in Hamburg Handel zu treiben. So beschreibt von Hameln in ihren erhaltenen „Erinnerungen: „Ganz frühmorgens sobald sie nebbich aus dem Bethaus gekommen sind, sind sie in die Stadt gegangen und gegen Nacht, wenn man das Tor zumachen wollte, sind sie wieder nach Altona gegangen. Und wenn sie nebbich fortgegangen waren, war ihr Leben oft nicht sicher vor Bosheit von bösen Leuten und Lumpengesindel, so daß jede Frau nebbich Gott gedankt hat, wenn sie ihren Mann wieder in Frieden bei sich gehabt hat."
Kirchenstraße/Breite Straße
22767 Hamburg
Deutschland
Glückel von Hameln erlebte im Winter 1657 mit etwa 11 Jahren politische Umbrüche: „Da hat der Schwede Krieg geführt mit dem König von Dänemark [...]". Geprägt durch die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges, schürten der besonders kalte „schwedische" Winter „wie in fünfzig Jahren kein Winter" und der schwedisch-dänische Krieg die Angst der Altonaer Bevölkerung. Als „Der Schwed kommt!" flüchteten die Eltern mit ihren Kindern aus Angst vor neuen Repressalien gegenüber Jüdinnen*Juden, wie viele weitere Altonaer „Schutzjuden", nach Hamburg. Dort kamen sie „teilweise bei den Sefardim [portugisische oder spanische zum Christentum konvertierte Jüdinnen*Juden], teilweise bei den Bürgern" unter. Nach dem „schwedischen Winter" kehrten viele Altaltonaer Jüdinnen*Juden nicht mehr zurück, zumal von Hamelns Vater Löb Pinkerle als einer der ersten deutschen Juden ein Wohnrecht in Hamburg erhielt. Hier lebten sie in der Neustadt zwar neben christlichen Nachbarn, „wohnten dort", so von Hameln, aber „nur durch die Gnade des Rates", also auch in ständiger Abhängigkeit vom Wohlwollen der Regierenden und von ihrem christlichen Umfeld. So wurde ihnen die Errichtung von Synagogen, der Besitz von luxuriösen Gegenständen, sowie viele weitere Dinge verboten.
Oberstraße
30167 Hannover
Deutschland
Bereits im Kindesalter musste Glückel von Hameln die verschiedenen Bedrohungen, die auf jüdisches Leben in Hamburg einprasselten, miterleben. So waren es deswegen stets die „Familie und Erwerb", die ihr Leben als „die beiden Säulen, auf denen das Lebensverständnis der Juden auch Glückels beruhten" prägten. Die Historikerin und Judaistin Marianne Awerbuch charakterisierte damit auch Glückel von Hamelns Lebenserinnerung, die durchweg von diesen beiden Themenfeldern und auch ihren religiösen Gefühlen geprägt gewesen sind.
Glückel von Hameln war nicht einmal 12 Jahre alt, als ihr Vater sie mit Chajim Hameln verlobte. Diesem blieb sie zwei Jahre versprochen, bis die beiden in ihrer neuen Heimat Hameln, die ihnen auch ihre Namen gab, heirateten. Von Hamelns Schwiegervater, Reb Josef Hameln, den Glückel von Hameln sehr schätzte und auch ihre Schwiegermutter bereiteten dem jung vermählten Ehepaar eine schöne Zeit in Hameln. Nichtsdestotrotz sei allbekannt gewesen „was Hameln gegen Hamburg gewesen" sei. In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie die Enge, die sie in Hameln empfand, ein „lumpiger, unlustiger Ort". Und da „Hameln kein Ort von Handelschaft" gewesen sei, zog das junge Paar gemeinsam nach Hamburg.
Fischpfortenstraße
31785 Hameln
Deutschland
Der Neuanfang in Hamburg brachte dem jungvermählten Ehepaar von Hameln sowohl geschäftlichen Erfolg, als auch den Beginn eines reichen Familienlebens. Als Kaufleute begannen die von Hamelns Geschäfte mit Gold und Juwelen zu treiben. So erzählen Glückel von Hamelns Lebenserinnerungen von vielen Geschäftsreisen ihres Mannes und später auch von eigenen Reisen in Messestädte wie Leipzig. Dank des relativ spannungsfreien Miteinanders zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung in dieser Zeit, eröffneten sich den von Hamelns Möglichkeiten eines wirtschaftlichen sowie sozialen Aufstiegs. Obwohl Glückel von Hameln verhältnismäßig wenig von dem jüdischen Gemeindeleben verschiedener Städte berichtete, „bildete dieses für sie wie für alle Juden die religiöse, soziale und rechtliche Basis" ihrer Existenz. Andererseits blieb die jüdische Minderheit größtenteils in besonderem Ausmaß abhängig von den einzelnen deutschen Staaten und deren absoluten Herrschern. Ihre Geschäftsreisen durch die vielen Städte ermöglichten Glückel von Hameln die „Judenpolitik" unterschiedlicher Landesherren kennenzulernen. Zu dem beruflichen Erfolg kam auch privates Glück hinzu: schnell nach ihrer Ankunft in Hamburg wurde von Hameln zum ersten Mal mit ihrer ersten Tochter schwanger. Sie führte den Haushalt und war sowohl für die Kindererziehung, als auch für die Betreuung der Handelsaktivitäten ihres Mannes zuständig.
Königstraße 10a
22767 Hamburg
Deutschland
Als 43-jährige Witwe begann Glückel von Hameln 1691, ihre Erinnerungen in schlaflosen und tränenreichen Nächten „unter vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid" aufzuschreiben. Kein leichtes Unterfangen, war sie doch zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes nun für das Aufziehen der zwölf Kinder zuständig. Das Werk richtete sie direkt an diese, doch war sie nicht „darauf aus, euch ein Moralbuch zu machen und zu schreiben". Bis 1719 verfasste sie ihre Erinnerungen, die bis heute von einem hohen Wert für die Kultur- sowie Familien- und Gemeindegeschichte von Jüdinnen*Juden der Frühen Neuzeit sind. Der Titel des siebenbändigen Werkes „Sichronoth“, also „Erinnerungen", so die Übersetzung aus dem Westjiddischen, erreichten als Zeugnis für jüdisches Leben in der Frühen Neuzeit Ansehen. Die Übersetzung ins Deutsche nahm Bertha Pappenheim vor und machte die denkwürdige Schrift, geprägt von vielfachen biblischen Zitaten und weiteren Schriften des Judentums, auch einer deutschsprachigen Leserschaft zugängig. Neben dem Verfassen ihrer Lebenserinnerung war es hauptsächlich die Wiederaufnahme der geschäftlichen Tätigkeiten ihres Mannes, welche von Hameln nun verantwortete. Einerseits setzte sie viel daran, all ihre Kinder in angesehene Familien zu verheiraten. Andererseits wurde aus ihr eine emanzipierte Kauffrau, die, so die Historikern und Judaistin Marinne Awerbach, „getrieben von unerschöpflicher Liebe zu ihrer Familie" elf Jahre lang von Messe zu Messe reiste.
39 Rue du Rabbin Élie Bloch
57000 Metz
Frankreich
Heute befindet sich hier die Communauté Israélite.
Das französische Metz war neben Hamburg die zweite große Lebensstation der Glückel von Hameln. In der Hoffnung, ihren Kindern zukünftig nicht zur Last zu fallen, kam sie im Jahre 1700 aufgrund einer zweiten Heirat mit dem Bankier Cerf oder Hirz Levy hierher. „Leider ist es gerade konträr geschehen." Ihre letzten Lebensjahre waren geprägt von Leid und Armut, zumal es keine Liebesheirat gewesen war. Ihr Ehemann verlor schon bald nach Ankunft von Hamelns zudem sein gesamtes Vermögen, verstarb und hatte von Hameln „in Elend und Trübsal sitzen lassen". Etwa im Jahre 1724 verstarb Glückel von Hameln im Alter von 80 Jahren. Ihren Kindern und der Nachwelt hinterließ sie ihre „Erinnerungen", die von ihrem Leben, ihrem Intellekt und Witz zeugen. Bertha Pappenheim fasste im Vorwort ihrer Übersetzung der Erinnerungen Glückel von Hamelns zusammen, es gebühre ihr „ein Platz unter denjenigen Frauen, die bescheiden und unbewußt das beste und wertvollste eines Frauendaseins verkörperten."
Neuen Kommentar hinzufügen