Synagogenplatz
67547 Worms
Deutschland
Meir ben Baruch, auch Maharam („Unser Lehrer, der Rabbi Meir") genannt, wurde um 1215 in Worms geboren. Als wichtigster Talmudgelehrter der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde Meir von Rothenburg bekannt. Er stammte aus einer Familie berühmter Talmudgelehrter und jüdischer Gemeindemitglieder und so war sein Weg seit frühester Kindheit vorgezeichnet. Sein Vater, Rabbi Baruch, Mitglied des Rabbinerkollegiums, beeinflusste ihn stark in seinem religiösen Handeln und erzog ihn in der reichen Tradition des Judentums. Auch sein Bruder Abraham folgte diesem Weg und verfasste talmudische Schriften. In seinen Werken nahm Meir von Rothenburg stets Bezug auf seine Vorfahren und Lehrer, wenn er sagte: „I have seen many great authorities doing so." und behandelte ihre Werke mit größter Ehrfurcht. In Würzburg erhielt er bereits ab seinem 11. Lebensjahr seine erste talmudische Ausbildung beim berühmten Rabbiner Isaak ben Mose von Wien. Unter einigen anderen bekannten Rabbinern setzte von Rothenburg seine religiöse Ausbildung in Paris fort. Bereits mit seinen Rabbinern soll er kritisch diskutiert und so sein religiöses und weltliches Wissen gefestigt haben. Für ihn selbst und auch für seine Arbeit war der Talmud stets die wegweisende Instanz für alle Entscheidungen. So war von Rothenburg für seine späteren Richteraufgaben, seine Tätigkeit als Lehrer oder als Beauftragter in sozialen Ämtern hochgeschätzt.
Kapellenplatz
91541 Rothenburg ob der Tauber
Deutschland
Die schreckliche Erfahrung der „Pariser Talmudverbrennung" erlebte Rabbi Meir von Rothenburg 1242 mit und verfasste sein berühmtes Trauerlied, welches bis heute an „Tischa beAv", dem Gedenktag für die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, gesungen und gesprochen wird. Die Verbrennung jüdischer Schriften hatte zur Folge, dass Zentren jüdischer Gelehrsamkeit in Frankreich zunehmend nach Deutschland „abwanderten". Seinen Beinamen erhielt Rabbi Meir von Rothenburg in dem Städtchen Rothenburg ob der Tauber, in dem er sich für über 30 Jahre niederließ. Er lebte in einem großen Haus mit etwa 21 Zimmern und arbeitete in seiner „Jeschiwa", einer jüdischen Hochschule für das Tora- und Talmudstudium, mit seinen vielen Studenten aus ganz Europa. In dieser Zeit verfasste von Rothenburg den Großteil seiner „Responsa", die von hier aus Studenten im ganzen Land erreichten. Diese mehr als 1500 erhaltenen „Antworten" auf Anfragen rechtlicher Art an jüdische halachische Autoritäten, machten Rabbi Meir von Rothenburg berühmt. Die Responsa anderer jüdischer Gelehrter waren bereits zu Lebzeiten von Rothenburgs ein wesentlicher Bestandenteil seiner eigenen Kollektion. Diese nutzte er für den Unterricht mit seinen Studenten, aber auch für seine eigenen Schriften und nahm in diesen auf darauf Bezug.
Kapellenplatz
91541 Rothenburg ob der Tauber
Deutschland
Nach den tragischen Ereignissen in Paris siedelte sich von Rothenburg etwa um 1245 in Rothenburg an und war dort über drei Jahrzehnte zuhause. Von hier aus unternahm von Rothenburg beruflich Reisen in zahlreiche Städte. Rothenburg ob der Tauber hatte eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die Geschichte dieser Gemeinde war stets von Vertreibung, aber auch von erneuter Ansiedlung jüdischer Familien geprägt. Hier nahm von Rothenburg erstmals eine Art richterlicher Funktion ein und beriet Rabbiner, jüdische Gemeinden und Richter in weltlichen, juristischen und religiösen Dingen. Seine „Respona", erreichten Gemeindemitglieder in Deutschland, Österreich, Böhmen und sogar Frankreich. Die vielen Anfragen reichten von „Is a person who has suffered severe divine punishment permitted to seve as cantor?„ bis hin zu „What constitues the merit of emigrating to the Holy Land?". Und obwohl nicht zweifellos beantwortet werden kann, ob Rabbi von Rothenburg je eine offizielle Position in Deutschland einnahm, zeugen die vielen Anfragen davon, dass seine Meinung und seine breitgefächerten Kenntnisse der religiösen Gebräuche und Vorschriften hochgeschätzt wurden. Seine Studenten, die später die Jüdischen Gemeinden in vielen deutschen Städten aufbauten, etablierten eben dort seine Rituale und Empfehlungen, die auf seinen fundierten Kenntnissen des Talmuds und der Tora basierten. Erst nach dem Tod seines Vaters, kehrte von Rothenburg 1276 nach Worms zurück.
1284 belegte König Rudolf I. von Habsburg die jüdischen Gemeinden als sogenannte sevi camerae (Kammerknechte) mit hohen Steuern und machte das Leben der Jüdinnen*Juden unüberbrückbar schwer. Zudem gipfelten Ritualmordlegenden der nicht-jüdischen Bevölkerung in zahlreichen Pogromen gegenüber Jüdinnen*Juden. Im Zuge dessen kam es zu einer großen Auswanderungswelle nach Palästina. Auch Meir von Rothenburg ließ alles zurück und schloss sich dieser Bewegung mit seiner Familie an. Noch nicht die lombardischen Alpen überschritten, wurde er als vermeintlicher Anstifter zur Auswanderung am 19. Juni 1286 nach einem Verrat durch Gesandte von Rudolf von Habsburg gefangengenommen und für kurze Zeit nach Wasserburg sowie für sieben Jahre nach Ensisheim im Elsaß gebracht. Jüdische Quellen beschreiben: „The bishop of Basel […], rode through that town in company of an apostate named Knippe (or Kinpe) who recognized R. Meir and informed the bishop […]. Count Meinhardt delievered R. Meir to King Rudolph who kept him in prison till the day of his death on the 19th of Iyyar 5053 (April, 27th 1293)." Von Rothenburg lehnte strikt die von den deutschen Juden angebotene „Kaution" ab, um ihn freikaufen zu lassen. Und so verbrachte er die letzten sieben Jahre bis zu seinem Tod am 27. April 1293 gefangen im Kerker in der Ensisheimer „Königsburg".
Willy-Brandt-Ring 21
67547 Worms
Deutschland
In einer Responsa formulierte Rabbi Meir von Rothenburg: „God´s presence is primarily concentrated in the Holy Land. Therefore, a person´s prayers there ascend directly to His throne." Das Glück, im Heiligen Land zu leben oder wenigstens beerdigt zu werden, blieb ihm nicht vergönnt. Seine Leiche verblieb noch über 14 Jahre nach seinem Tod im Turm von Ensisheim. Erst 1307 konnte der Frankfurter Jude Alexander ben Salomo Wimpfen durch das Aufbringen seines gesamten Vermögens, die Gebeine des Rabbi Meir von Rothenburg „freikaufen". Auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Worms – dem „Heiligen Sand" fand von Rothenburg, seinem letzten Wunsch entsprechend, 14 Jahre nach seinem Tod seine letzte Ruhe. Rabbi Meir von Rothenburg ging als zentrale Figur der jüdischen Welt des 13. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Seine Responsa waren und sind Quellen von unschätzbarem Wert, wenn es um das politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben der deutschen Jüdinnen*Juden des Mittelalters geht. Die Responsa spiegeln aber gleichzeitig auch das bewegte Leben von Rabbi Meir von Rothenburg selbst wieder und erlauben einen Einblick in seine Gedanken- und Lebenswelt.
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